
Warum das Pferd nach belastenden Erfahrungen ein guter Begleiter sein kann
Wer eine belastende Erfahrung gemacht hat, trägt das oft lange Zeit körperlich mit sich. Das Wort "Trauma" wird im Alltag schnell groß, doch in der Praxis erlebe ich Menschen, die einfach nicht mehr durchatmen können, die schreckhaft geworden sind, die nachts wach liegen oder sich zurückgezogen haben. Manchmal ist die Ursache klar benennbar, manchmal eine Mischung aus vielen kleinen Belastungen, manchmal liegt sie weit zurück.
Reittherapie kann in solchen Phasen ein Raum sein, der etwas anbietet, was schwer zu bekommen ist: einen Ort ohne Bewertung, ohne Sprechzwang, mit einem großen warmen Tier, das nicht fragt, was passiert ist. Das ist kein Heilversprechen. Eine trauma-spezifische Psychotherapie ersetzt das nicht. Aber in der richtigen Phase und mit der richtigen Therapeutin kann das Pferd ein wichtiger Begleiter sein.
- Reittherapie kann nach belastenden Erfahrungen ergänzend wirken, sie ersetzt keine trauma-spezifische Psychotherapie wie EMDR oder TF-KVT.
- Das Pferd bietet ein Setting ohne Sprechzwang, ohne Urteil, mit körpernaher Co-Regulation.
- Voraussetzung: stabile Phase und eine trauma-pädagogisch fortgebildete Reittherapeutin.
- In akuten Krisen ist Reittherapie nicht der erste Schritt. Erst Stabilisierung, dann begleitende Arbeit am Pferd.
In meiner Praxis in Niederkrüchten begegne ich auch Kindern und Jugendlichen nach belastenden Erfahrungen, und ich begegne Erwachsenen, die nach Phasen großer Belastung wieder Boden unter den Füßen suchen. Ich erzähle hier keine Einzelschicksale und keine Anekdoten aus dem Stall, das verbietet sich aus Respekt vor den Menschen, die mir vertrauen. Was ich teilen kann, sind allgemeine Beobachtungen aus vielen Jahren Arbeit und das, was die Fachliteratur diskutiert.
Wenn Sie sich oder Ihrem Kind akut bedroht fühlen oder in einer Krise sind:
- Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (24/7, kostenlos, anonym)
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 (24/7, mehrsprachig)
- Nummer gegen Kummer (Kinder + Jugendliche): 116 111 (Mo bis Sa)
- Elterntelefon: 0800 111 0 550
- Bei akuter Suizidalität oder unmittelbarer Gefahr: 112 oder die nächste psychiatrische Klinik
Reittherapie ist kein Krisenangebot. Sie ist ein begleitender Baustein, wenn die unmittelbare Sicherheit gegeben ist.
Was Trauma und PTBS bedeuten (kurz, nicht-pathologisierend)
Ein vereinfachtes Bild, das vielen Menschen hilft: Das Gehirn legt belastende Erlebnisse normalerweise in eine "Vergangenheits-Schublade". Sie sind erinnerbar, aber nicht mehr akut. Bei einem Trauma gelingt diese Einordnung nicht oder nur teilweise. Die Erinnerung bleibt im Körper aktiv, als sei sie Gegenwart. Geräusche, Gerüche, bestimmte Situationen können dann blitzartig zurückbringen, was eigentlich vorbei ist. Das nennt man Flashback.
Eine Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS, wird diagnostiziert, wenn solche Reaktionen über Wochen anhalten und das Leben deutlich einschränken. Typische Muster sind Übererregung (ständig auf der Hut, schlechter Schlaf, Schreckhaftigkeit), Vermeidung (alles umgehen, was an das Erlebte erinnert) und ein verändertes Erleben von sich selbst und anderen (Distanz, Misstrauen, manchmal unangemessene Scham oder Schuld).
Trauma hat viele Gesichter. Es kann durch Misshandlung entstehen, durch Unfälle, durch medizinische Eingriffe, durch Verluste, durch Flucht und Krieg, durch Übergriffe oder durch frühe Bindungsabbrüche. Diese Liste bleibt bewusst kurz. Wichtig ist: Trauma ist keine Schwäche, sondern eine ganz normale Reaktion auf eine nicht normale Belastung.
Eine Diagnose stellen Fachärzt*innen für Psychiatrie und Psychotherapie, psychologische Psychotherapeut*innen, bei Kindern entsprechende kinder- und jugendpsychiatrische Fachpersonen. Reittherapeut*innen stellen keine Diagnosen. Wir arbeiten begleitend, in Absprache mit den behandelnden Fachpersonen.
Was das Pferd hier leisten kann
Ich formuliere bewusst vorsichtig und kenne die Grenzen dieser Arbeit. Was ich aus vielen Jahren Erfahrung beobachte, decken Studien zur tiergestützten Therapie bei PTBS (Veteranen in den USA, Kinder in Europa) zumindest teilweise. Die Forschung ist noch jung, die Effektstärken werden vorsichtig diskutiert, aber die Richtung ist erkennbar.
Co-Regulation des Nervensystems
Co-Regulation des Nervensystems. Ein Pferd hat einen großen, ruhigen Körper. Sein Atem ist tief, sein Herzschlag langsam. Wenn ein Mensch in der Nähe eines ruhigen Pferdes steht oder es berührt, passt sich der eigene Atem oft an. Das ist keine Esoterik, sondern beobachtbar. Diese körpernahe Beruhigung wirkt über den Vagusnerv und das autonome Nervensystem. Gerade bei Menschen, die sich nach belastenden Erfahrungen kaum noch sicher fühlen, ist diese Form der äußeren Regulation oft der erste Schritt zurück in den eigenen Körper.

Kein Urteil, keine Erklärung gefordert
Kein Urteil, keine Erklärung gefordert. Das Pferd will nicht wissen, was passiert ist. Es will nicht trösten und nicht raten. Es ist einfach da. Für viele Menschen mit Trauma-Erfahrung ist das eine Erleichterung, weil sie im Alltag oft das Gefühl haben, sich erklären, rechtfertigen oder zusammenreißen zu müssen.
Kein Sprachzwang
Kein Sprachzwang. In klassischen Therapiesettings ist Sprechen das zentrale Werkzeug. Manche Menschen, besonders Kinder, finden über Worte nicht zugang zu dem, was sie belastet. Im Stall darf geschwiegen werden. Bewegung, Berührung, gemeinsame Aufgaben sind eigene Sprachen. Wenn Worte später kommen, kommen sie oft leichter.
Körper-Awareness wiedergewinnen
Körper-Awareness wiedergewinnen. Trauma führt häufig dazu, dass man den eigenen Körper als unsicher erlebt oder ihn ganz abschaltet. Das Putzen, das Führen, das vorsichtige Annähern an das Pferd lädt sanft dazu ein, wieder zu spüren: Wo stehe ich, wie atme ich, wie reagiert mein Gegenüber auf meine Bewegung. Das ist eine sehr kleine, sehr alltägliche Form von Körperarbeit, in einem Setting, das nicht klinisch wirkt.
Bindungserfahrung in kleiner Dosis
Bindungserfahrung in kleiner Dosis. Wer Menschen verloren oder durch Menschen verletzt wurde, traut sich oft schwer, Nähe zuzulassen. Ein Pferd ist Beziehung in einer dosierbaren Form. Man kann hingehen und sich wieder zurückziehen. Das Pferd nimmt das nicht persönlich. Diese Erfahrung von Nähe ohne Risiko kann eine wichtige Brücke sein.
Window of Tolerance, warum gerade das Pferd
Der Begriff "Window of Tolerance" stammt aus der Trauma-Psychotherapie. Vereinfacht: Jeder Mensch hat einen Bereich, in dem er Belastung gut aushält und handlungsfähig bleibt. Über diesem Bereich liegt die Übererregung (innere Unruhe, Schreckhaftigkeit, Herzrasen). Darunter liegt die Untererregung (Erstarrung, Leere, Abschalten). Bei Menschen mit Trauma-Erfahrung ist dieses Fenster oft schmal geworden, sie kippen schneller in eines der beiden Extreme.
Reittherapie arbeitet genau an diesem Fenster. Das ruhige Tier zieht aufgeregte Menschen sanft nach unten in einen ruhigeren Zustand. Die Bewegung und Aufgaben des Stalls können erstarrte Menschen sanft nach oben in den fühlbaren Kontakt holen. Die Therapeutin achtet darauf, dass keine Überforderung entsteht. Das verlangt fachliche Ausbildung.
Wann Reittherapie passend ist und wann nicht
Das ist mir besonders wichtig, weil eine falsche Reihenfolge schaden kann.
- Geeignet: Wenn die akute Krise vorbei ist, wenn eine trauma-spezifische Psychotherapie bereits läuft oder geplant ist, wenn die Person eigenständig in den Alltag zurückkommt und nun einen ressourcenorientierten Raum sucht, in dem sie wieder Vertrauen in den eigenen Körper und in andere Lebewesen aufbauen kann.
- Vorsicht geboten: Wenn die Person akut in der Krise ist, sich selbst nicht sicher fühlt, suizidale Gedanken hat oder die Symptome sehr stark sind. In diesen Phasen gehört die Versorgung in trauma-erfahrene psychotherapeutische oder psychiatrische Hände. Reittherapie kann später dazukommen, wenn eine stabile Basis da ist.
- Auch wichtig: Manche Menschen haben Angst vor großen Tieren oder konkrete schlechte Erfahrungen mit Pferden. Das ist keine Verpflichtung, sich heranzuwagen. Manchmal ist ein anderes Therapietier, manchmal ein ganz anderer Weg passender. Eine gute Reittherapeutin oder ein guter Reittherapeut wird das im Vorgespräch klären.
Wie eine Stunde aussieht und was anders ist als bei anderen Indikationen
Die Arbeit mit Menschen nach belastenden Erfahrungen ist langsamer und leiser als andere Reittherapie-Stunden. Weniger Aufgaben, weniger Druck, mehr Zeit zum Ankommen. Häufig findet die Stunde lange am Boden statt: Putzen, das Pferd kennenlernen, gemeinsam atmen, vielleicht ein kurzer Gang über den Hof. Aufsteigen ist nicht das Ziel und manchmal lange nicht angebracht.

Ich achte besonders auf Signale: Wird ein Mensch ganz still und wirkt abwesend, kann das ein Zeichen von Dissoziation sein. Wird er hektisch oder schreckhaft, schließt sich das Fenster nach oben. In beiden Fällen wird die Stunde nicht mit mehr Programm gefüllt, sondern verlangsamt. Wir gehen zurück in den sicheren Bereich, bevor wir weitermachen.
Ich bespreche vorher mit der Familie und, wenn möglich, mit der behandelnden Psychotherapeutin, was im Stall passieren darf und was nicht. Aufmachen und Verarbeiten sind verschiedene Schritte. Verarbeiten gehört in die trauma-spezifische Psychotherapie. Stunden dauern bei mir 45 bis 60 Minuten, in der Regel einmal pro Woche. Kontinuität ist hier wichtiger als Intensität.
Was Reittherapie nicht ersetzt
Das ist der wichtigste Abschnitt dieses Artikels. Reittherapie ist ergänzend. Sie ist kein Ersatz für die etablierten trauma-spezifischen Verfahren.
EMDR
EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Ein evidenzbasiertes Verfahren zur Verarbeitung traumatischer Erinnerungen, angeboten von ausgebildeten Psychotherapeut*innen. Bei einer PTBS-Diagnose häufig die erste Empfehlung.
Trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie
Trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-KVT). Strukturiertes Verfahren mit guter Studienlage, gerade bei Kindern und Jugendlichen.
Stationäre Trauma-Therapie
Stationäre Trauma-Therapie. Bei schwerer oder komplexer PTBS, bei begleitender Suizidalität ist ein Klinikaufenthalt in einer spezialisierten Einrichtung der angemessene Schritt. Reittherapie kann dort als Bestandteil mitlaufen, ersetzt das Setting aber nicht.
Medikamentöse Behandlung
Medikamentöse Behandlung. Bei begleitenden Depressionen, schweren Schlafstörungen oder anhaltender Übererregung kann eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein. Diese Entscheidung trifft die behandelnde Fachärztin. Reittherapie ist kein Argument gegen Medikation.
Eine gute Reittherapie für Menschen mit Trauma-Erfahrung läuft idealerweise parallel zu einer fachlichen Trauma-Behandlung und in Abstimmung mit dieser.
Reittherapie macht den Schmerz nicht weg. Sie kann einen Raum schaffen, in dem ein Mensch wieder spürt, dass es auch ruhige, sichere Momente gibt.
Welche Therapeut*innen sind hier geeignet
Bei Trauma-Themen reicht ein Standard-Heilpädagogisches Reiten in der Regel nicht aus. Hier sollte die Reittherapeutin oder der Reittherapeut eine Zusatzqualifikation in Trauma-Pädagogik oder eine psychotherapeutische beziehungsweise psychologische Grundausbildung mitbringen.
Gut geeignet ist Reittherapie im engeren Sinn, angeboten von Psychotherapeut*innen, Psycholog*innen oder Therapeut*innen mit ausdrücklicher trauma-pädagogischer Zusatzausbildung. Das DKThR (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten) und vergleichbare Institutionen bieten entsprechende Fortbildungen an. Achten Sie auf die Begriffe Trauma-Pädagogik, Trauma-Beratung, traumazentriertes Arbeiten oder eine psychotherapeutische Grundqualifikation.
Reines Heilpädagogisches Reiten ohne trauma-spezifische Zusatzqualifikation kann zu Beginn ein angenehmer Einstieg sein, aber bei einer ausgeprägten Trauma-Folge-Symptomatik gehört die Begleitung in qualifizierte Hände.
- Welche trauma-pädagogische Fortbildung haben Sie und wann war sie?
- Arbeiten Sie mit einer behandelnden Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zusammen, wenn ich beziehungsweise mein Kind in Behandlung ist?
- Wie gehen Sie vor, wenn jemand in der Stunde in eine Belastungsreaktion gerät, etwa einen Flashback oder eine Dissoziation?
- Wie strukturieren Sie die ersten Stunden? Was passiert nicht?
- Wie sieht Ihr Setting für Stabilität und Sicherheit aus, zum Beispiel feste Zeiten, dasselbe Pferd, ruhige Umgebung?
- Haben Sie Erfahrung mit der Indikation, die mich oder mein Kind betrifft?
Therapeut*innen, die hier präzise und ohne große Versprechen antworten, haben in der Regel die nötige Erfahrung.
Wer zahlt das
Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten Reittherapie bei Trauma- oder PTBS-Indikation in der Regel nicht. Bei Kindern und Jugendlichen mit drohender oder bestehender seelischer Behinderung kann eine Finanzierung über die Eingliederungshilfe nach SGB VIII Paragraph 35a über das Jugendamt möglich sein. Voraussetzung ist eine fachärztliche Stellungnahme, in der die Reittherapie als geeignete Maßnahme begründet wird, sowie ein bewilligter Antrag.
Bei Erwachsenen sind Einzelfallentscheidungen selten und sehr individuell. Im Rahmen einer Reha-Maßnahme, bei beruflichen Reha-Trägern oder bei Opferentschädigungsverfahren gibt es vereinzelt Wege, die geprüft werden können. Die Details bespreche ich im Erstattungs-Guide.
Eine Stunde Reittherapie kostet je nach Region und Qualifikation der Therapeutin in der Regel zwischen 60 und 100 Euro. Bei zertifizierten Therapeutinnen mit psychotherapeutischer Grundausbildung können die Sätze höher liegen.

Wie finde ich den passenden Anbieter
In unserem Verzeichnis können Sie nach der Indikation "Trauma / PTBS" filtern und gezielt nach Anbieter*innen mit trauma-pädagogischer Zusatzqualifikation suchen. Die Profile zeigen, welche Ausbildung die Therapeut*innen mitbringen, mit welchen Altersgruppen sie arbeiten und ob sie für Atteste in Richtung Jugendamt oder andere Kostenträger erreichbar sind.
Mein Rat aus der Praxis: Vereinbaren Sie ein ausführliches Vorgespräch, bevor Sie eine Therapie beginnen. Wenn möglich ohne die betroffene Person beim ersten Termin, damit Sie als Eltern oder Angehörige in Ruhe die fachliche Eignung prüfen können. Erst danach kommt das Kennenlernen am Stall, mit viel Zeit und ohne Programm.
Achten Sie weniger auf eindrucksvolle Webseiten und mehr darauf, wie die Therapeutin oder der Therapeut über Trauma spricht. Wer hier vorsichtig ist, wer nicht alles verspricht, wer auf die Grenzen der eigenen Arbeit hinweist, hat in der Regel die Haltung, die hier nötig ist.
Anbieter mit Trauma-Schwerpunkt finden
Im Verzeichnis sehen Sie auf einen Blick, wer eine trauma-pädagogische Zusatzqualifikation mitbringt, mit welchen Altersgruppen gearbeitet wird und ob Atteste für Kostenträger ausgestellt werden.
Trauma-pädagogisch qualifizierte Reittherapeut*innen findenHäufige Fragen
Ab welchem Alter ist Reittherapie bei Trauma-Themen sinnvoll? Bei Kindern arbeite ich in der Regel ab etwa fünf bis sechs Jahren, immer eingebettet in eine kinderpsychotherapeutische Anbindung. Jüngere Kinder profitieren mehr von einer Eltern-Kind-Begleitung. Für Jugendliche und Erwachsene gibt es keine obere Altersgrenze.
Ich bin in laufender Psychotherapie, geht beides gleichzeitig? Ja, in den meisten Fällen ist genau das die richtige Konstellation. Reittherapie ist als ergänzender Baustein gedacht. Ideal ist, wenn die behandelnde Psychotherapeutin oder der behandelnde Psychotherapeut Bescheid weiß und im Idealfall ein kurzer fachlicher Austausch möglich ist, natürlich nur mit Ihrer schriftlichen Einwilligung.
Ich habe Angst vor Pferden. Ist Reittherapie dann für mich überhaupt etwas? Nicht zwingend. Wenn die Angst so groß ist, dass schon die Vorstellung Stress auslöst, ist Reittherapie kein guter Einstieg. Es gibt andere tiergestützte Verfahren mit kleineren Tieren. Manchmal entwickelt sich aus großer Vorsicht aber auch ein langsam wachsendes Vertrauen. Das ist Gegenstand des Vorgesprächs, nicht des ersten Stallbesuchs.
Was passiert, wenn ich in der Stunde einen Flashback bekomme? Eine trauma-erfahrene Reittherapeutin ist darauf vorbereitet. Wir unterbrechen, bringen Sie in einen ruhigen, sicheren Bereich, arbeiten kurz mit einfachen Stabilisierungstechniken (Atmen, Spüren der Füße am Boden, fünf Dinge benennen, die Sie sehen). Wir machen nicht weiter, als ginge nichts. Anschließend besprechen wir, ob die nächste Stunde anders strukturiert werden sollte, und ich nehme bei Bedarf Kontakt zu Ihrer Psychotherapeutin auf.
Brauche ich eine Diagnose, um Reittherapie zu bekommen? Für die Therapie selbst nicht. Für eine Kostenübernahme, etwa über das Jugendamt, brauchen Sie eine fachärztliche Stellungnahme. Selbstzahler-Stunden sind ohne Diagnose möglich, ich rate aber auch dann zu einer fachärztlichen Einordnung, damit klar ist, ob Reittherapie aktuell der richtige Schritt ist.
Was kostet eine Stunde Reittherapie bei Trauma-Themen? In der Regel zwischen 60 und 100 Euro pro Einheit, je nach Region und Qualifikation. Genauere Angaben finden Sie im Erstattungs-Guide und auf den jeweiligen Anbieter-Profilen.
Kann Reittherapie retraumatisierend wirken? Bei unsachgemäßer Begleitung ja. Wenn Themen zu schnell oder zu intensiv aufgemacht werden, wenn Druck entsteht, wenn das Pferd selbst unruhig ist, kann eine Stunde belasten statt entlasten. Genau deshalb ist die fachliche Qualifikation der Therapeutin so wichtig, und genau deshalb ist die Abstimmung mit einer parallelen Psychotherapie sinnvoll. Eine gute trauma-pädagogische Reittherapie ist sehr darauf bedacht, nicht zu öffnen, was nicht aufgefangen werden kann.
Was ich Ihnen mitgeben möchte
Wer eine schwere Zeit hinter sich hat oder mittendrin steckt, hört oft zu viele Versprechen und zu wenig ehrliche Worte. Ich möchte hier keines geben. Reittherapie macht den Schmerz nicht weg, sie macht das, was war, nicht ungeschehen. Was sie kann, ist klein und gleichzeitig nicht wenig: Sie kann einen Raum schaffen, in dem ein Mensch wieder spürt, dass es auch ruhige, sichere Momente gibt. Und manchmal beginnt von dort aus etwas, das vorher nicht möglich schien.
Wenn Sie einen Weg suchen, gehen Sie ihn nicht allein. Eine trauma-erfahrene psychotherapeutische Behandlung gehört dazu. Reittherapie kann ein Stück Begleitung sein, kein Hauptweg, aber ein guter Pfad neben dem Weg. Lassen Sie sich Zeit bei der Suche und vertrauen Sie auf den Eindruck im Stall mehr als auf jede Hochglanz-Beschreibung.
Weiterführend
- Wer zahlt die Reittherapie?: Erstattungs-Guide mit Hinweisen zu Eingliederungshilfe und Einzelfallentscheidungen
- Glossar der Disziplinen: Unterschied Hippotherapie, Heilpädagogisches Reiten, Reittherapie im engeren Sinn
- Reittherapeut*innen mit Trauma-Schwerpunkt finden: Verzeichnis mit Filter "Indikation Trauma / PTBS"
Hinweis
Dieser Artikel ist eine fachliche Erfahrungsdarstellung und ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Reittherapie ersetzt keine trauma-spezifische Psychotherapie. Bei akuter Belastung wenden Sie sich an die oben genannten Krisendienste, an Ihre Hausärztin oder an eine psychotherapeutische Praxis. Bei medizinischen Fragen wenden Sie sich bitte an Ihre Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie oder bei Kindern und Jugendlichen an die entsprechende kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung.
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