Patient sitzt aufrecht auf einem ruhigen Therapiepferd in einer Reithalle, von hinten

Was ist Hippotherapie?

Hippotherapie ist eine ärztlich verordnete Physiotherapie auf dem Pferd. Das ist die kürzeste und zugleich genaueste Beschreibung, die ich kenne. Es geht nicht ums Reitenlernen. Es geht nicht ums Pferdeflüstern. Es geht um eine medizinische Therapieform, bei der die rhythmische, dreidimensionale Schrittbewegung eines speziell ausgebildeten Therapiepferdes auf das Becken der Patientin oder des Patienten übertragen wird. Eine Physiotherapeutin oder ein Physiotherapeut mit Zusatzqualifikation steuert die Behandlung, ein erfahrener Pferdeführer führt das Pferd am Strick.

Wer Hippotherapie verschrieben bekommt, bringt eine ärztliche Verordnung mit. Wer sie durchführt, ist staatlich anerkannte Physiotherapeutin oder anerkannter Physiotherapeut mit einer Aufbauausbildung, in Deutschland in der Regel beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) oder bei der Deutschen Gruppe Hippotherapie (DGI). In der Schweiz und Österreich gibt es eigene Curricula. Das ist wichtig, weil der Begriff Hippotherapie in Deutschland nicht streng geschützt ist und im Alltag manchmal locker verwendet wird. Wer eine echte Hippotherapie-Stunde sucht, fragt nach genau dieser Qualifikation.

Auf einen Blick
  • Hippotherapie ist Physiotherapie auf dem Pferd, keine Reitstunde.
  • Durchgeführt von Physiotherapeut*innen mit DKThR- oder DGI-Zusatzqualifikation.
  • Wirkprinzip: 90 bis 120 Bewegungsimpulse pro Minute aus dem Pferdeschritt auf das Becken.
  • Häufige Indikationen: Multiple Sklerose, Zerebralparese, Schlaganfall, Skoliose, Schädel-Hirn-Trauma.
  • Erstattung durch die gesetzliche Krankenkasse: in der Regel nicht. Selbstzahler oder PKV.

Ich sage gleich zu Beginn etwas Persönliches. Mein eigenes Fachgebiet ist die Reittherapie im psychosozialen Sinn. Ich bin keine Physiotherapeutin und keine Hippotherapeutin. Was ich aber tue: Ich begleite Eltern, Patientinnen und Patienten, die zwischen den Disziplinen wählen, und ich kenne viele Hippotherapeutinnen und Hippotherapeuten persönlich. Wenn ich in diesem Artikel über Hippotherapie schreibe, dann mit Respekt vor einer Disziplin, die deutlich näher am medizinisch-therapeutischen System steht als das, was ich selbst anbiete. Konkrete Fall-Beispiele werden Sie hier nicht finden. Ich beschreibe, was Fachliteratur, Berufsverbände und langjährige Hippotherapeut*innen einvernehmlich beschreiben.

Wer macht Hippotherapie?

Die Frage nach der Qualifikation ist bei Hippotherapie deutlich klarer geregelt als in vielen anderen pferdegestützten Disziplinen. Die Antwort hat drei Komponenten: ein Grundberuf, eine Zusatzqualifikation und ein passendes Pferd.

Hand am Lederfuehrstrick eines ruhigen Therapiepferdes, Detail der Halfter-Anbindung

Der Grundberuf

Hippotherapie wird von staatlich anerkannten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten durchgeführt, in älterer Sprache Krankengymnastinnen und Krankengymnasten. Ohne diesen Grundberuf ist es keine Hippotherapie. Punkt. Wer als Reitpädagoge oder Reittherapeut ohne Physiotherapie-Grundausbildung den Begriff Hippotherapie verwendet, bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis und fachlich daneben. Das ist kein Werturteil über andere pferdegestützte Angebote, sondern ein klarer berufsrechtlicher Punkt.

Die Zusatzqualifikation

Auf den Grundberuf setzt eine Aufbauausbildung auf. In Deutschland am etabliertesten ist das Zertifikat Hippotherapie-DKThR des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten. Daneben existiert die DGI-Ausbildung (Deutsche Gruppe Hippotherapie nach Künzle), die ein etwas engeres, manualtherapeutisch geprägtes Konzept verfolgt. In der Schweiz gibt es eine eigene Spezialisierung über den Schweizerischen Heilpädagogischen Reitverband, in Österreich über das OKTR. Die Ausbildung umfasst typischerweise mehrere hundert Unterrichtseinheiten, einen Praxisanteil und einen Abschluss mit Prüfung.

Das Therapiepferd

Das Pferd ist kein Beiwerk, sondern Teil der Therapie. Es muss als Therapiepferd ausgebildet sein. Verlangt wird ein gleichmäßiger, lockerer Schritt, ein ruhiges Wesen, gute Tritt-Sicherheit, Gewohnheit an Aufstieghilfen, Schreckanker, Geräusche, Rollstühle und ungewöhnliche Sitzhaltungen. Häufig werden Norweger, Haflinger, Isländer, ruhige Warmblüter oder kräftige Ponys eingesetzt. Die Rasse zählt weniger als die Ausbildung. Ein gutes Therapiepferd ist eine jahrelange Investition und kann eine Stunde lang ruhig und in gleichem Tempo geführt werden, ohne dass es nervös wird.

Das Team

In einer Hippotherapie-Stunde stehen in der Regel drei Personen am und auf dem Pferd: die Patientin oder der Patient im Sattel oder auf einem Therapie-Pad, der Pferdeführer am Strick und die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut, die seitlich begleitet, die Bewegung beobachtet, am Becken oder am Rumpf der Patientin unterstützt und das Tempo des Pferdes steuert. Bei sehr unsicheren Patient*innen kommt zusätzlich eine Seitenhilfe dazu, manchmal mit Helmpflicht.

Wie wirkt Hippotherapie?

Ich formuliere diesen Abschnitt bewusst vorsichtig. Hippotherapie ist gut beschrieben, aber Studienlage und Wirkmechanismen sind nicht in jedem Detail abschließend geklärt. Was die Fachliteratur und die Berufsverbände einvernehmlich nennen, fasse ich hier zusammen.

Wichtige Begriffe auf einen Blick
  • Schwingungsübertragung: dreidimensionale Bewegungsimpulse aus dem Pferdeschritt auf das Becken.
  • Tonusregulation: vorübergehende Anpassung des Muskeltonus, etwa Spastikminderung.
  • Propriozeption: Wahrnehmung der eigenen Körperlage im Raum.
  • Neuromuskuläre Bahnung: Wiederaufbau und Stabilisierung von Bewegungsmustern.

Schwingungsübertragung aus dem Pferdeschritt

Das Pferd geht im Schritt mit etwa 90 bis 120 Bewegungsimpulsen pro Minute. Diese Impulse sind dreidimensional, also nach vorn und hinten, seitlich und in der Vertikalen. Sie übertragen sich vom Pferderücken über das Becken der Patientin oder des Patienten auf den ganzen Rumpf. Das Bewegungsmuster ähnelt dem Beckenmuster, das ein gesunder Mensch beim eigenen Gehen ausführt. Genau hier setzt das therapeutische Argument an: Wer selbst nicht ausreichend gehen kann, erlebt auf dem Pferd ein physiologisches Gangmuster, das er sonst nicht hätte. Manche Autorinnen sprechen von einem Gangtrainer der besonderen Art.

Tonusregulation und Spastikminderung

Bei Patient*innen mit erhöhtem Muskeltonus, etwa bei Multipler Sklerose, Zerebralparese oder nach Schlaganfall, kann die rhythmische, getragene Bewegung auf dem Pferd den Tonus vorübergehend regulieren. Beobachtet wird häufig eine Spastikminderung in den unteren Extremitäten während und kurz nach der Sitzung. Wichtig ist das Wort vorübergehend. Hippotherapie verändert die Spastik nicht dauerhaft im Sinne einer Heilung. Sie schafft ein Zeitfenster, in dem der Körper anders arbeiten kann und in dem andere therapeutische Schritte oft besser greifen.

Gleichgewicht und Rumpfaufrichtung

Wer auf dem bewegten Pferd sitzt, balanciert ständig kleine Verschiebungen aus. Das trainiert Gleichgewichtsreaktionen, ohne dass die Patientin oder der Patient willentlich anspannen muss. Bei vielen neurologischen Krankheitsbildern ist die Rumpfaufrichtung ein zentrales Therapieziel, und genau diese Aufrichtung wird auf dem Pferd in einer Weise gefordert und gefördert, die am Boden schwer zu reproduzieren ist.

Propriozeption und neuromuskuläre Bahnung

Propriozeption meint die Wahrnehmung der eigenen Körperlage im Raum. Diese Wahrnehmung wird durch die vielfältigen Reize auf dem Pferd intensiv stimuliert. Manche Hippotherapeut*innen sprechen von neuromuskulärer Bahnung, also dem Wiederaufbau und der Stabilisierung von Bewegungsmustern. Das ist ein anspruchsvoller Begriff, und die Wirksamkeit hängt stark vom konkreten Krankheitsbild ab.

Was Hippotherapie nicht tut, ist die Grunderkrankung heilen. Eine Multiple Sklerose bleibt eine Multiple Sklerose. Eine Zerebralparese verschwindet nicht.

Ein ehrlicher Satz dazu: Was Hippotherapie nicht tut, ist die Grunderkrankung heilen. Eine Multiple Sklerose bleibt eine Multiple Sklerose. Eine Zerebralparese verschwindet nicht. Was Hippotherapie leisten kann, ist Funktion zu verbessern, Spastik vorübergehend zu reduzieren, Lebensqualität spürbar zu erhöhen. Diese ehrliche Einordnung ist mir wichtig, weil im Internet immer wieder Heilversprechen kursieren, die nicht haltbar sind.

Für welche Indikationen?

Hippotherapie ist eine neurologisch-orthopädische Therapieform. Sie wird im deutschsprachigen Raum vor allem bei den folgenden Indikationen verordnet. Bei jeder Indikation gilt: Die Eignung im Einzelfall klärt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt gemeinsam mit der Hippotherapeutin oder dem Hippotherapeuten.

  • Multiple Sklerose (MS) ist die wohl bekannteste Indikation für Hippotherapie. Studienlage und klinische Erfahrung sprechen für positive Effekte auf Rumpfstabilität, Gangbild und Lebensqualität. Mehr dazu auf unserer Seite Reittherapie bei MS.
  • Zerebralparese (ICP) bei Kindern ist die zweite große Indikation. Hier zielt Hippotherapie auf Rumpfkontrolle, Kopfkontrolle und Tonusregulation. Häufig schon ab dem Vorschulalter, in enger Abstimmung mit der Kindesentwicklung.
  • Schlaganfall-Rehabilitation, vor allem in der subakuten und chronischen Phase, kann von der Schwingungsübertragung profitieren. Voraussetzung ist eine ausreichende Kreislaufstabilität und eine ärztliche Freigabe.
  • Schädel-Hirn-Trauma nach Reha-Phase. Hier kann Hippotherapie die Wiederherstellung von Rumpfkontrolle und Gleichgewicht unterstützen.
  • Querschnittlähmung im Restfunktionsbereich, also wenn motorische Restfunktion vorhanden ist. Bei kompletten Querschnitten anderer Höhe kommt eher Therapeutisches Reiten ohne klassischen Hippotherapie-Ansatz infrage.
  • Skoliose in bestimmten Krümmungsmustern, ergänzend zu klassischer Physiotherapie und Korsett-Versorgung. Nicht jede Skoliose eignet sich, hier ist die Auswahl besonders sorgfältig.
  • Morbus Parkinson: Studienlage ist dünner als bei MS, einzelne Pilotstudien zeigen Effekte auf Gang und Lebensqualität. In Deutschland wird Hippotherapie bei Parkinson vereinzelt eingesetzt.
  • Trisomie 21 mit Hypotonie: Hier kann Hippotherapie den Rumpf aktivieren. Vorab ist die Halswirbelsäule abzuklären. Mehr in unserem Artikel zu Reittherapie bei Down-Syndrom.
  • Muskeldystrophien in bestimmten Verläufen, vorsichtig dosiert und in Absprache mit der neuromuskulären Sprechstunde.

Diese Liste ist nicht abschließend. Verordnet werden kann Hippotherapie grundsätzlich bei neurologischen, orthopädischen und ausgewählten muskulären Krankheitsbildern, bei denen die spezifische Wirkungsweise der Pferdebewegung therapeutisch sinnvoll ist.

Sanftes Auge eines ruhigen Therapiepferdes, Detail aus dem Stall

Kontraindikationen

Wann Hippotherapie nicht oder nur eingeschränkt möglich ist
  • Atlantoaxiale Instabilität ohne kinderärztliche oder orthopädische Freigabe, etwa bei Trisomie 21 oder bei bestimmten rheumatischen Erkrankungen.
  • Schwere Osteoporose mit Frakturrisiko, vor allem an der Wirbelsäule.
  • Pferdeallergie oder schweres allergisches Asthma, das durch Pferdehaare, Staub oder Heu ausgelöst wird.
  • Akute Infekte mit Fieber, akute Entzündungen, frische Operationen.
  • Schwangerschaft im ersten Trimester und ohne ausdrückliche Freigabe der Frauenärztin oder des Frauenarztes. In späteren Phasen individuell zu prüfen.
  • Pferde-Phobie oder massive Angstreaktion in Pferdenähe. Hier ist zunächst eine andere Therapie sinnvoll.
  • Unbehandelter schwerer Herzfehler oder dekompensierte Herzinsuffizienz. Bei gut versorgten kardiologischen Diagnosen meist möglich, mit Freigabe.
  • Frische Operationen, insbesondere an Wirbelsäule, Hüfte oder Knie, je nach Heilungsverlauf.
  • Unbehandelte schwere Epilepsie mit häufigen Anfällen. Bei guter Einstellung individuell zu prüfen.
  • Floride hüftgelenksnahe Probleme, etwa Morbus Perthes in aktiver Phase, bei Kindern.

Diese Liste ist nicht abschließend. Eine Hippotherapeutin oder ein Hippotherapeut wird vor Therapiebeginn ein Vorgespräch führen, die ärztliche Verordnung und Vorbefunde sichten und gegebenenfalls Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt halten. Diese Vorsicht ist kein Misstrauen, sondern Berufsstandard.

Detail des Therapie-Setups, Wollpad auf Pferderücken, Hand des Physiotherapeuten

Wie eine Sitzung abläuft

Ruhige Stallbox-Reihe mit Therapiepferd, das aus der offenen Stalltuer schaut

Eine Hippotherapie-Stunde ist erkennbar strukturierter als eine Reittherapie-Stunde im psychosozialen Sinn. Sie folgt einem physiotherapeutischen Konzept. Hier eine typische Stunde, wie sie mir Kolleginnen aus der Hippotherapie beschreiben.

Ruhige leere Reithalle im weichen Tageslicht, sandiger Boden, hohe Fenster

Vor der Sitzung

Voraussetzung ist eine ärztliche Verordnung. Üblich ist die Verordnung von Krankengymnastik oder von Heilmitteln mit dem Zusatz Hippotherapie, je nach Bundesland und Tarifvertrag. Bei der ersten Stunde steht ein Anamnesegespräch: Diagnose, bisherige Therapien, Medikamente, individuelle Ziele, Tagesform, Ängste. Die Hippotherapeutin oder der Hippotherapeut prüft, ob Kontraindikationen vorliegen und welche Bewegungsziele realistisch sind. Bei Erstpatient*innen wird das passende Pferd ausgewählt: Für sehr kleine oder leichte Patient*innen ein eher schmaler Rücken (Norweger, Haflinger), für größere ein breiterer Rücken (ruhiger Warmblüter), für Spastikpatient*innen eher ein Pferd mit kleinem, fein dosiertem Schritt.

Was Sie zum ersten Termin mitbringen sollten
  • Ärztliche Verordnung sowie aktuelle Befunde und Arztbriefe.
  • Bequeme, lange Hose ohne grobe Innennaht, festes Schuhwerk mit kleinem Absatz.
  • Medikamentenliste und gegebenenfalls Notfallplan (etwa bei Epilepsie).
  • Eine zweite Person zur Begleitung, vor allem bei eingeschränkter Mobilität.

Während der Sitzung

Die eigentliche Therapiezeit auf dem Pferd dauert in der Regel 20 bis 30 Minuten. Das ist kürzer, als viele erwarten. Länger ist meistens nicht sinnvoll, weil die getragene Bewegung intensiv wirkt und Patient*innen ermüden. Aufgesessen wird über eine Rampe oder einen Aufstiegsblock, manchmal mit zwei Helfern, bei stark eingeschränkten Patient*innen mit Lift. Gesessen wird oft ohne Sattel, auf einem speziellen Wollpad oder Therapiegurt mit Haltegriff. Manche Konzepte arbeiten auch mit Sattel, je nach Patient*in und Ziel.

Das Pferd wird vom Pferdeführer im Schritt geführt. Die Physiotherapeutin oder der Physiotherapeut geht seitlich mit, unterstützt am Becken, am Rumpf, gegebenenfalls am Kopf, beobachtet die Bewegungsantwort und gibt dem Pferdeführer Tempo- und Richtungsanweisungen. Es wird gegangen in der Reithalle oder draußen, oft in Schlangenlinien, Achten, über leichte Bodenwellen, je nach Therapieziel. Der Patient oder die Patientin reitet nicht im klassischen Sinn, sondern lässt sich tragen. Das ist der Kernpunkt der Methode.

Bei manchen Indikationen wird in verschiedenen Sitzpositionen gearbeitet, etwa rücklings, im Damensitz oder seitlich. Das wirkt erst einmal ungewöhnlich, ist aber Teil des Konzepts: Verschiedene Sitzpositionen sprechen unterschiedliche Muskelketten an.

Nach der Sitzung

Nach dem Absitzen gibt es eine kurze Nachbesprechung. Wie war die Bewegung? Wie geht es Ihnen jetzt? Manche Patient*innen brauchen einen Moment, um wieder im aufrechten Stand anzukommen, weil das Becken nach 20 Minuten Pferdebewegung kurz nachschwingt. Viele berichten in den ersten 24 Stunden von einem entspannten Gefühl, leicht erhöhter Beweglichkeit, manchmal auch von einem leichten Muskelkater am nächsten Tag. Das ist normal, ähnlich wie nach gezielter Physiotherapie.

Die Hippotherapeutin oder der Hippotherapeut dokumentiert die Stunde, hält Befund und Verlauf fest und schickt bei Bedarf einen Verlaufsbericht an die verordnende Ärztin. Wie oft Sie kommen, hängt von der Verordnung ab. Häufig sind ein bis zwei Sitzungen pro Woche, in Serien von 10 bis 20 Einheiten.

Erstattung in Deutschland

Wichtig zur GKV: Hippotherapie ist keine Kassenleistung

Seit dem Urteil des Bundessozialgerichts vom 30. September 2003 (Aktenzeichen B 1 KR 4/02 R) gilt Hippotherapie als nicht erstattungsfähige neue Heilmethode. Sie wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss nicht in den Heilmittelkatalog aufgenommen. Anträge bei der gesetzlichen Krankenkasse werden daher in der Regel abgelehnt, auch dann, wenn die behandelnde Neurologin Hippotherapie ausdrücklich befürwortet.

Was bedeutet das in der Praxis? Hippotherapie kann ärztlich verordnet werden und wird auch ärztlich verordnet, aber die Rechnung trägt in den meisten Fällen die Patientin oder der Patient selbst, oder eine andere Stelle übernimmt anteilig.

Private Krankenversicherung (PKV)

Die Private Krankenversicherung übernimmt Hippotherapie im Einzelfall, abhängig vom Tarif und von der Diagnose. Manche Tarife schließen Hippotherapie ausdrücklich ein, andere ausdrücklich aus, viele liegen dazwischen. Klären Sie das vorab schriftlich mit Ihrer PKV, bevor Sie mit der Therapie beginnen. Ein formloses Anschreiben mit ärztlicher Verordnung und Kostenvoranschlag reicht in der Regel für eine Voranfrage.

Beihilfe

Beamtinnen und Beamte können Hippotherapie über die Beihilfe geltend machen, wenn die Beihilfevorschrift des Bundes oder des jeweiligen Landes das hergibt. Die Praxis variiert deutlich nach Dienstherr. Auch hier hilft eine Voranfrage.

Eingliederungshilfe nach SGB IX

Wenn eine anerkannte wesentliche Behinderung vorliegt, kann Hippotherapie über die Eingliederungshilfe nach SGB IX bewilligt werden. Zuständig sind je nach Bundesland das Sozialamt oder ein überörtlicher Träger der Eingliederungshilfe. Vorausgesetzt werden eine fachärztliche Stellungnahme, ein Antrag und meist ein Teilhabeplangespräch. Der Weg ist langwierig, oft drei bis sechs Monate bis zur Bewilligung, aber er ist machbar.

Berufsgenossenschaften und Rentenversicherung

Nach Arbeits- oder Wegeunfällen mit dauerhafter Schädigung kann die Berufsgenossenschaft Hippotherapie tragen. Bei Reha-Maßnahmen tragen auch die Rentenversicherungsträger gelegentlich anteilig.

Selbstzahler

Üblich sind in Deutschland 50 bis 90 Euro pro Sitzung, je nach Region, Stundenlänge, Pferdehaltung und Qualifikation. Manche Anbieter bieten Zehner-Karten mit leichtem Rabatt an. Eine Behandlungsserie von zehn bis zwanzig Sitzungen ist üblich.

Eine ausführliche Übersicht über Erstattungswege, Antragsformulierungen und realistische Erwartungen finden Sie auf unserer Seite Wer zahlt die Reittherapie?.

Hippotherapie vs Reittherapie vs Heilpädagogisches Reiten

Die Begriffe werden im Alltag oft vermischt, dabei meinen sie unterschiedliche Dinge. Hier eine knappe Übersicht. Ausführlicher steht das in unserem Glossar der Disziplinen.

Merkmal Hippotherapie Heilpädagogisches Reiten Reittherapie (psychosozial)
Ziel Körperfunktion, Tonus, Gangbild Entwicklung, Selbstwert, Sprache Seelische Stabilisierung, Beziehung
Berufsgrundlage Physiotherapie Heilpädagogik, Sozialpädagogik Psychologie, Psychotherapie, Pädagogik
Zusatzqualifikation Hippotherapie-DKThR oder DGI HpR-DKThR oder vergleichbar Reittherapie-Zertifikat (verschiedene Träger)
Verordnung Ärztliche Verordnung üblich Keine ärztliche Verordnung Keine ärztliche Verordnung
Was passiert auf dem Pferd Passives Tragenlassen, Bewegungs-Übertragung Reiten, Spielen, Übungen, Bodenarbeit Beziehung, Reflexion, Bodenarbeit, manchmal Reiten
Typische Indikationen MS, ICP, Schlaganfall, Skoliose ADHS, Entwicklungsverzögerung, Trisomie 21 Depression, Trauma, Burnout, Angststörung
GKV-Erstattung In der Regel nein Nein Nein

In der Praxis arbeiten viele Anbieter in mehreren Disziplinen, oft mit Doppel- oder Dreifachqualifikation. Für Sie als Patientin oder Angehöriger heißt das: Fragen Sie nicht nur nach dem Begriff, sondern nach der konkreten Qualifikation und nach dem Behandlungsansatz. Eine Reittherapeutin ist nicht automatisch Hippotherapeutin, und umgekehrt.

Hippotherapie-Sitzung mit Patient*in, Physiotherapeut*in und Pferdefuehrer*in in der Reithalle

Studienlage

Die Studienlage zur Hippotherapie ist im Vergleich zu vielen anderen pferdegestützten Interventionen relativ gut, im Vergleich zu klassischer Physiotherapie aber dünn. Hier eine vorsichtige Einordnung, ohne einzelne Studien sensationell auszuschmücken.

Multiple Sklerose

Bronson et al. publizierten 2010 einen Cochrane-orientierten Review zur Hippotherapie bei Multipler Sklerose. Untersucht wurden Effekte auf Gleichgewicht, Spastik, Lebensqualität und Gangbild. Die Schlussfolgerung war vorsichtig positiv: Hinweise auf Verbesserungen, kleine Stichproben, Bedarf an weiteren Studien. Spätere Arbeiten, etwa Vermöhlen et al. 2018 (Multicenter-RCT in Deutschland), zeigten in einer größeren Stichprobe signifikante Effekte auf Lebensqualität und Müdigkeit bei MS-Patient*innen mit moderater Behinderung.

Zerebralparese

Bei Kindern mit Zerebralparese ist die Studienlage am breitesten. Whalen und Case-Smith publizierten 2012 einen Review, der Effekte auf Rumpf- und Kopfkontrolle beschreibt. Stergiou et al. 2017 und weitere Arbeiten weisen auf Verbesserungen von Grobmotorik und symmetrischer Muskelaktivität hin. Auch hier mit Einschränkungen: kleine Stichproben, oft offene Studien ohne strenges Verblindungsprotokoll, was bei einer körperlichen Intervention auch methodisch schwer ist.

Schlaganfall und weitere Indikationen

Für Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma und Parkinson gibt es Pilotstudien und Fallserien mit positiven Trends. Die Datenlage reicht nicht für eine starke evidenzbasierte Aussage, ist aber konsistent mit den klinischen Beobachtungen.

Limitationen

Klinische Studien zur Hippotherapie haben strukturelle Probleme. Die Stichproben sind klein, weil Therapiepferde und qualifizierte Hippotherapeut*innen begrenzt verfügbar sind. Verblindung ist schwierig. Kontrollgruppen erhalten oft eine andere Physiotherapie, was den Vergleich erschwert. Wer die Studienlage realistisch einordnen will, sollte das mitdenken. Hippotherapie ist keine Wunderwaffe, aber sie ist auch keine esoterische Praxis. Sie ist eine fachlich beschriebene, methodisch eingebettete Therapieform mit moderat positiven Evidenzhinweisen für ausgewählte Indikationen.

Hippotherapie heilt keine Grunderkrankung. Sie kann Funktion verbessern, Spastik vorübergehend reduzieren, Lebensqualität spürbar erhöhen. Das ist viel, und es ist nicht wenig.

Wie finde ich eine Hippotherapeutin oder einen Hippotherapeuten?

In unserem Verzeichnis können Sie gezielt nach Disziplin Hippotherapie filtern, kombiniert mit Indikation und Postleitzahl. Sie sehen direkt, welche Anbieter eine DKThR- oder DGI-Qualifikation mitbringen, welche Indikationen sie schwerpunktmäßig betreuen und in welchem Umkreis sie arbeiten. Achten Sie bei der Auswahl auf drei Punkte: Grundberuf Physiotherapie, Zusatzqualifikation Hippotherapie und Erfahrung mit Ihrer konkreten Diagnose.

Typische Fragen an die Hippotherapeut*in beim Erstkontakt
  • Welchen Grundberuf und welche Zusatzqualifikation bringen Sie mit?
  • Welche Therapiepferde setzen Sie ein und wie sind sie ausgebildet?
  • Wie viele Patient*innen mit meiner Diagnose betreuen Sie aktuell?
  • Wie ist Ihr Vorgehen bei der ersten Stunde und wie dokumentieren Sie den Verlauf?
  • Welche Erstattungswege haben sich in Ihrer Praxis bewährt?
  • Stehen Aufstieghilfen, Rampe oder Lift zur Verfügung?

Lieber durch die Übersicht stöbern

Im Verzeichnis sehen Sie auf einen Blick, welche Anbieter Hippotherapie mit DKThR- oder DGI-Qualifikation anbieten, welche Indikationen sie schwerpunktmäßig betreuen und ob Aufstieghilfen vorhanden sind.

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Geschichte der Hippotherapie

Die Wurzeln der modernen Hippotherapie reichen in die 1960er Jahre nach Deutschland, in die Schweiz und nach Skandinavien. Schon früher gab es vereinzelte Berichte über das Reiten als Therapieform, etwa bei Polio-Patient*innen in der Nachkriegszeit. Den Begriff Hippotherapie in seiner heutigen Bedeutung prägten in den 1960ern und 70ern vor allem deutsche Physiotherapeutinnen wie Ursula Künzle in der Schweiz und Klüwer und Strauß in Deutschland.

Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) wurde 1970 in Warendorf gegründet und ist seither der zentrale Dachverband im deutschsprachigen Raum. Es entwickelt Curricula, vergibt Zertifikate, organisiert Fortbildungen und vertritt die Belange der Disziplin gegenüber Politik und Kostenträgern. Parallel etablierte sich die Deutsche Gruppe Hippotherapie nach Künzle (DGI), die einen etwas enger gefassten, manualtherapeutisch geprägten Ansatz vertritt.

Heute ist Hippotherapie in Deutschland, der Schweiz und Österreich eine etablierte, ausdifferenzierte Disziplin. International gibt es vergleichbare Konzepte, zum Beispiel die Hippotherapy Clinical Specialty Certification in den USA. Trotz der langen Tradition bleibt die kassenrechtliche Anerkennung in Deutschland das offene Thema. Berufsverbände, Patientenorganisationen wie die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und engagierte Hippotherapeut*innen arbeiten seit Jahren daran, das zu ändern. Bewegung in dieser Frage gibt es bisher nur regional.

Häufige Fragen

Was kostet eine Hippotherapie-Sitzung?

Üblich sind 50 bis 90 Euro pro Sitzung à 20 bis 30 Minuten Therapiezeit auf dem Pferd, plus Vor- und Nachbereitung. Die Preise variieren regional, nach Pferdehaltung und nach Qualifikation der Therapeutin. Eine Behandlungsserie von zehn bis zwanzig Einheiten ist üblich. Da die gesetzliche Krankenkasse Hippotherapie in der Regel nicht erstattet, tragen die Patient*innen die Kosten meist selbst oder beantragen Eingliederungshilfe nach SGB IX, falls eine wesentliche Behinderung vorliegt.

Wie viele Sitzungen brauche ich?

Das hängt vom Krankheitsbild und vom Therapieziel ab. Bei chronischen neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose oder Zerebralparese ist oft eine dauerhafte Begleitung mit ein bis zwei Sitzungen pro Woche sinnvoll, in Serien organisiert. Erste Effekte zeigen sich erfahrungsgemäß nach sechs bis acht Sitzungen, deutlichere Veränderungen meist nach drei bis sechs Monaten. Eine ehrliche Beratung durch die Hippotherapeut*in vor Therapiebeginn hilft, realistische Erwartungen zu entwickeln.

Muss ich reiten können?

Nein. Hippotherapie ist kein Reitunterricht. Sie sitzen auf dem Pferd, das Pferd wird geführt, Sie lenken nichts, treiben nichts an, halten keine Zügel im klassischen Sinn. Es geht nicht um reiterliches Können, sondern darum, sich tragen zu lassen. Wer noch nie auf einem Pferd gesessen hat, ist genauso willkommen wie ehemalige Reiter*innen. Wichtig ist nur, dass Sie Pferden offen begegnen.

Was, wenn ich Angst vor Pferden habe?

Eine deutliche Pferde-Phobie ist eine Kontraindikation für Hippotherapie. Wenn Sie nur unsicher sind, weil Sie nie mit Pferden zu tun hatten, ist das etwas anderes. Hier hilft ein langsames Heranführen, zunächst am Boden, mit Kontakt, Putzen, Fühlen. Erst wenn Sie sich sicher fühlen, geht es auf das Pferd. Gute Hippotherapeut*innen nehmen sich dafür Zeit. Falls die Angst zu groß bleibt, ist eine andere Therapieform sinnvoller.

Welche Pferde sind als Therapiepferde geeignet?

Geeignet sind Pferde mit gleichmäßigem, lockerem Schritt, ruhigem Wesen, hoher Tritt-Sicherheit und Gewohnheit an ungewöhnliche Sitzhaltungen, Geräusche und Hilfsmittel. Häufig im Einsatz sind Norweger, Haflinger, Isländer, kräftige Ponys und ruhige Warmblüter. Die Rasse zählt weniger als die individuelle Eignung und die Therapiepferde-Ausbildung. Ein gutes Therapiepferd wird über Jahre gezielt vorbereitet und regelmäßig geprüft.

Was passiert bei einem MS-Schub?

Während eines akuten MS-Schubs pausieren Sie die Hippotherapie. Ihr Körper braucht in dieser Phase Ruhe, die Belastung auf dem Pferd ist nicht angemessen. Nach Abklingen des Schubs und nach Rücksprache mit Ihrer Neurologin können Sie wieder einsteigen, oft etwas vorsichtiger und mit angepasster Belastung. Sprechen Sie das vorab mit Ihrer Hippotherapeut*in ab, damit klar ist, wie Sie kommunizieren, wenn ein Schub kommt.

Wer stellt die ärztliche Verordnung aus?

Die Verordnung stellt in der Regel die behandelnde Fachärztin oder der behandelnde Facharzt aus, je nach Diagnose Neurologie, Orthopädie, Kinder- und Jugendmedizin, Sozialpädiatrisches Zentrum. Auch Hausärztinnen und Hausärzte verordnen Hippotherapie, oft im Anschluss an eine fachärztliche Empfehlung. Da Hippotherapie in der Regel keine Kassenleistung ist, wird die Verordnung eher als ärztliche Befürwortung verstanden, die für Anträge auf Eingliederungshilfe oder für die PKV-Voranfrage gebraucht wird.

Hippotherapie ist nicht Reitenlernen. Es ist Physiotherapie auf dem Pferd, eingebettet in ein medizinisches Konzept, getragen von Menschen, die ihr Handwerk verstehen.

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Hinweis

Dieser Artikel ist eine fachliche Übersicht und ersetzt keine ärztliche, psychotherapeutische oder rechtliche Beratung. Hippotherapie ersetzt keine medizinische Behandlung der Grunderkrankung. Sie ist eine ergänzende physiotherapeutische Therapieform. Bei Fragen zur Eignung im Einzelfall, zu Kontraindikationen oder zur Verordnung wenden Sie sich bitte an Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren behandelnden Arzt sowie an eine qualifizierte Hippotherapeutin oder einen qualifizierten Hippotherapeuten mit DKThR- oder DGI-Zertifikat.

Tanja Wilms ist Reittherapeutin in Niederkrüchten. Ihr eigenes Fachgebiet ist die psychosozial orientierte Reittherapie, nicht die Hippotherapie. Dieser Artikel entstand aus Gesprächen mit Hippotherapeut*innen, der Sichtung von Fachliteratur und Berufsverbands-Material. Sie ist selbst Anbieterin im Verzeichnis und wird wie alle anderen Anbieter gelistet. Keine Vorzugsposition.

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